Allwille und Freiwille

Essay Sri Aurobindos aus seiner Zeitschrift "Arya" 1920


Das ist bestimmt eine beschränkte Seele, die niemals die brütenden Schwingen eines Schicksals die Welt überschatten fühlte, nie über den Umkreis von Personen, Kollektivitäten und Gewalten schaute, sich nie des stillen Gedankens oder der sicheren Bewegung einer Gegenwart in den Dingen die ihren Marsch bestimmen, bewußt gewesen ist. Andererseits ist es das Zeichen eines Denkfehlers oder eines Mangels an Mut und Klarheit in der Veranlagung, vom Schicksal oder einer verborgenen Gegenwart überwältigt zu werden und auf eine enttäuschte Einwilligung beschränkt zu sein, - als ob die Kraft in den Dingen, dieselbe Kraft in mir annullierte oder überflüssig und gescheitert machte. Schicksal und Freier Wille, sind nur zwei Bewegungen einer unteilbaren Energie. Mein Wille ist das allererste Instrument meines Schicksals und Schicksal ist ein Wille, der sich in der unaufhaltsamen, unterbewußten Absicht der Welt zeigt.

Aller Irrtum wird, wie alles Übel, von einer Teilung im Unteilbaren geboren. Weil Gott unzählige Aspekte hat, bricht der Geist seine Einheit auf. Er erzeugt beim gegenseitigen Ausschluß in der verbundenen Familie der Ideen und Kräfte, die mit dem Universum übereinstimmend beschäftigt sind, heftigen Widerspruch und fruchtlose Bemühung. Somit errichtet unser Denken ein mysteriöses Schicksal oder einen gleichermaßen mysteriösen Freien Willen und besteht darauf, daß dies oder das sein muß, aber beide nicht zusammen bestehen. Es ist ein falscher und inhaltloser Zwist. Ich habe einen Willen, das ist einfach; aber es ist nicht wahr, daß er frei im Sinn dessen ist, ein abgesondertes Ding der Welt zu sein, sich selbst und seine Taten und Früchte bestimmend, als ob er nur allein existierte oder als ob er sich ganz und gar selbst bilden könnte, außer als sichtbarer Kamm und sichtbare Form einer unsichtbaren Welle. Sogar die Welle ist mehr als sie selbst; denn auch sie hat die Wanderung vom ganzen unermeßlichen Ozean der Kraft und Zeit hinter sich. Andererseits gibt es kein unberechenbares Schicksal, keine unberechenbare blinde, grausame und unausweichliche Notwendigkeit, gegen die die Flügel der Seele sich vergebens stürzen müssen, als ob sie ein von einem monströsen Vogelfänger eingefangener Vogel, in einem trüb-erleuchteten und phantastischen Käfig wäre.

Alle Zeitalter und Nationen haben die Idee vom Schicksal wahrgenommen oder haben mit ihr gespielt. Die Griechen wurden vom Gedanken an eine mysteriöse und unaussprechliche Notwendigkeit, die über den göttlichen Launen der Götter waltete verfolgt. Der Mohamedaner sitzt ruhig und träge unter dem Joch von Kismet. Der Hindu spricht von Karma und dem auf der Stirn Geschriebenen, wenn er sich für Unglück oder Mißerfolg trösten oder sich vor Beharrlichkeit und männlicher Bemühung entschuldigen möchte. Und alle diese Vorstellungen sind in der allgemeinen Ungenauigkeit der Idee verwandt die sie hervorwerfen und dem vagen Zwielicht, in denen sie zufrieden sind, ihre hintergründige Bedeutung zu belassen. Die moderne Wissenschaft hat eine gleichermaßen formlose und beliebige Vorherbestimmung vom Gesetz der Natur und Vererbung hereingebracht, um der Vorstellung von Verantwortung in einer freien, wollenden und handelnden Seele zu widersprechen. Wo es keine Seele gibt, kann es keine Freiheit geben. Die Natur arbeitet ihr ursprüngliches Gesetz im Menschen aus. Unsere Väter und Mütter mit allem das sie in sich trugen, sind eine zweite vitale Vorherbestimmung und die toten Generationen erlegen sich den Lebenden auf; der Druck der Umgebung kommt als ein drittes Schicksal herein, um uns die kleine Chance der Freiheit zu nehmen, nach der wir aus dieser Unendlichkeit von sich entwickelnden Gewalten noch gegriffen haben könnten. Die dreifachen Moira der Griechen, sind mit anderen Masken und neuen Namen wieder inthronisiert worden. Wir glauben wiederum an ein ungeheures Weben unseres Schicksals, aber durch den gemessenen Tanz von immensen materiellen Kräften. Es sind wieder die alten Götter, aber der Intelligenz und der Chance des menschlichen Mitgefühls beraubt, erbarmungslos, weil sie weder sichselbst, noch unser bewußt sind.

Es ist zweifelhaft, ob der Glaube an Schicksal oder Freiwille, viel Unterschied beim Tun eines Menschen macht, aber ihm ist sicher viel in seiner Veranlagung und bei seinem Innenwesen beizumessen; denn er legt seinen Stempel auf die Gußform seiner Seele. Der Mensch, der den Glauben an das Schicksal als eine Entschuldigung für Ruhe macht, würde einen anderen Vorwand finden wenn dieser fehlte. Seine Idee ist nur ein schickliches Kleidungsstück für seine Laune; sie bekleidet seine Trägheit und Ruhe mit einer trügerischen Lichtrobe oder behängt sie mit einem stattlichen Mantel der Würde. Wenn aber sein Wille nach einem Ziel oder einer Tat schnappt, finden wir, daß er ihr mit nicht weniger hartnäckiger Resolution nachgeht, oder vielleicht nicht weniger kindischer Ungeduld oder Hartnäckigkeit, wie der freieste Gläubige des Freien Willens. Es sind nicht unsere intellektuellen Ideen, die unser Tun beherschen, sondern unsere Natur und Veranlagung, - nicht dhi, sondern mati oder sogar manyu oder, wie die Griechen gesagt haben würden, thumos und nicht nous.

(Diese Begriffe sind aus der vedischen Psychologie. dhi ist der Intellekt, mati die allgemeine Mentaliät, manyu, das Temperament und der emotionale Geist.)

Andererseits greift ein großer Tatmensch oft auf die Vorstellung vom Schicksal zurück, um die mächtige Energie die er fühlt, wie sie ihn auf dem weltverändernden Pfad der Taten vorantreibt, für sich zu vergöttlichen. Er ist wie eine von irgendeiner düsteren gigantischen Haubitze, heimlich weit hinter die erste Grabenlinie gepflanzte entladene Granate, die wir vom Leben in die materielle Welt ausgeworfen sehen; oder er ist wie ein von den Händen der Natur beschleunigter Planet, mit seinem Reservoir ursprünglicher Energie, ausreichend für seine gegebene Zeit seines festgelegen Dienstes am Weltleben, seiner beständigen Umlaufbahn, um ein entferntes und höchstes Licht. Er drückt in der Idee vom Schicksal seinen lebendigen und konstanten Sinn der Energie aus, die ihn hier hinunter geworfen hat, um entweder die festen und feststehenden Dinge der Welt zu zerbrechen wie irgendein vedischer Marut oder, um durch Berge einen Pfad zu hauen, den neue Flüsse menschlichen Schicksals hinunter strömen können. Wie Indra oder Bhagirath, geht er voran; die Menge Göttlicher Wasser folgt. Seine Bewegung entscheidet ihren Verlauf; hier soll der Indus fließen, dort marschiert der Ganges gelb und löwenartig zum Meer. Deshalb finden wir, daß die größten Tatmenschen die die Welt gekannt hat, Gläubige an das Schicksal oder an einen göttlichen Willen waren. Cäsar, Mohammed, Napoleon welche kolossaleren Arbeiter hat unsere Vergangenheit als diese? Der Übermensch glaubt bereitwilliger an das Schicksal, fühlt sich Gottes lebhafter bewußt, als der durchschnittliche menschliche Geist.

Eine Redensart von Napoleon ist schwanger von der eigentlichen Wahrheit dieser Sache. Gefragt, da er ständig vom Schicksal redete, warum er es für richtig hielt, immer zu denken und zu planen, antwortete er im rechten Verständnis: "Weil es immer noch Schicksal ist welches will, daß ich planen sollte." Dies ist die Wahrheit. Es gibt einen Willen oder eine Kraft in der Welt, die das Ergebnis meiner Taten als Teil des großen Ganzen bestimmt; es gibt einen Willen in mir der, verborgen vor meinem Denken und meiner persönlichen Wahl, den Anteil den ich beim Bestimmen des Ganzen haben soll bestimmt. Es ist das, das meinen Geist ergreift und meinen Willen ruft. Aber Ich und Mein sind Masken. Es ist die All-Existenz die mir meine Realität gibt; es ist All-Wille und All-Wissen, das während ich berechne, für seinen eigenen unberechenbaren Zweck in mir wirkt.

Aus diesem guten Grund ist es richtig, daß ich auf meinen freien Willen wert lege. Wenn sogar die Götter Notwendigkeit beherrscht, ist mein Wille ein Sohn der Notwendigkeit, doch mit Recht in der Villa seiner Mutter oder ist sogar ein Gesicht der göttlichen Notwendigkeit, die in vielen Formen mit der Welt spielt. Wenn Kismet der Wille Gottes ist, ist dieser Wille doch noch in meiner gegenwärtigen Bewegung aktiv und nicht nur in der Stunde meiner Geburt oder der Welt. Wenn meine vergangenen Taten meine Gegenwart bestimmen, bestimmt meine unmittelbare Tat auch den Moment der sein soll und der nicht von einem langsamen Mechanismus zu verspäteten Wirkungen, in einem weitentfernten Leben völlig aufgeschoben ist. Wenn das Gesetz der Natur und Vererbung und Umgebung mächtig ist, hängt es doch von der Person ab, zu welchem Gebrauch sie gebracht werden sollen.

Die Frucht meiner Taten gehört nicht mir, sondern Gott und der Welt; meine Handlung gehört Gott und mir. Dort habe ich ein Recht. Oder besser, es gehört Gott in mir; das Recht ist Seines, aber ich genieße es. Der Wille der in mir wirkt, ist das unteilbare Ganze, welches sich nur von sichselbst in meinem Körper und meiner Persönlichkeit, namarupa, zu trennen scheint, wie sich das ganze Meer auf eine eigene Küste, in einer eigenen Wellenwoge wirft. Das Ganze und das Ich, spielen in einer Ecke eines unendlichen Universums miteinander Versteck.

Ich kann ganz im Widerspruch mit dem All-Willen in mir stehen. Das heißt, wenn ich meine Willenskraft dazu hergebe, ein Diener des nervlichen Teils meines Geistes zu sein, welcher sichselbst unwissend und leidenschaftlich, offen oder unter vielen Vorwänden, als seinen eigenen Gott liebt. Es ist das in mir, dieser Egoist, dieser Hunger, der in der schweren Hand des Schicksals, die Unterdrückung eines Tyrannen oder den Widerstand einer blinden und unintelligenten Kraft auf sich spürt. Denn immer in sein eigenes Bedürfnis und seinen eigenen Gesichtspunkt absorbiert, hilft er dem Ganzen bei dieser Reibung und Opposition, die für den Mechanismus der Welt so wesentlich sind. Darum mißversteht er den harten Lehrer und Seinen strengen, doch liebenden Zwang in den Dingen und muß durch Selbstwillen und Kampf und Leiden fortschreiten, weil er dies noch nicht durch Gehorsam kann. Aber auch ich kann mich selbst durch eine Intuition in meiner Natur, einer Sehnsucht in meinem Herzen und einem Grund in meinem Geist, in den Dienst irgendeines starken Ideals stellen, irgendeiner intelligenten Gewalt, die Gott mit oder ohne Wissen über ihn dient. Dann ist mein Wille ein wahrer Wille; er vollzieht seinen Teil, er hinterläßt seine Quote, er kehrt zu seinem Meister mit seinem verwendeten oder gesteigerten Talent zurück. Und in einem gewissen Maße ist er frei; denn eine große Freiheit ist das, vom Tier und vom Rakschasa (der um egoistischer Ziele willen ringende Mensch A.d.Üb.) in uns befreit zu werden, frei das Rechte zu wählen oder von ihm gewählt zu werden.

Aber welch andere Sache wäre es, wenn ich mein Ego dazu überreden könnte, aus der Form in der es Zuflucht vor seinem göttlichen Verfolger genommen hat, auszubrechen und aufzutauchen! Der große Widerspruch würde dann aufgehoben und nicht einfach gelindert sein. Mein freier Wille würde Gott-Wille werden und das Schicksal seine Maske abnehmen. Durch das Einwilligen, der bloße Sklave Gottes zu sein und bewußt ein Instrument von Dem zu sein, das nicht von seinen Instrumenten gebunden wird, würde ich eine Freiheit erfahren die auf Himmelsharfen singt, aber die keine Menschenrede äußern kann; ich würde in den Wellen einer reinen Stärke und Ekstase, in der unermeßlichen und unergründlichen Ekstase von All-Sein und All-Leben und All-Macht gewaschen und gewälzt werden. Ich würde das Schicksal erhellt in den Willen schmelzend und den Willen in Gott eingehend glorifiziert sehen.


© Copyright Webside Literaturen