(Auszug aus dem Buch "Die Dichtung der Zukunft" von Schri Aurobindo. Erschienen im Wilfried Huchzermeyer Verlag Karlsruhe.
Das Mantra, poetischer Ausdruck der tiefsten spirituellen Wirklichkeit, ist nur möglich, wenn drei höchste Intensitäten dichterischer Sprache zusammentreffen und unlösbar sein werden, eine höchste Intensität rhythmischer Bewegung, eine höchste Intensität miteinander verwobener verbaler Form und Gedankensubstanz, des Stils und eine höchste Intensität der Seelenschau der Wahrheit. Alle große Dichtung entsteht durch eine Vereinigung dieser drei Elemente; es ist die Unzulänglichkeit des einen der andren, was die Schwankungen im Werk selbst der größten Dichter verursacht, und es ist das Versagen jeweils eines Elements, welches die Ursache ihrer Fehltritte ist, der Schlacke in ihrem Werk, der Flecken in der Sonne. Aber nur auf einem gewissen höchsten Gipfel der vereinigten Intensitäten wird das Mantra möglich.
Von einem gewissen Standpunkt ist der Rhythmus, die poetische Bewegung von primärer Bedeutung; denn dies ist das erste Grundelement, ohne das alles übrige, ganz gleich was sonst sein Wert sein mag, der Muse der Poesie unannehmbar bleibt. Ein vollkommener Rhythmus wird oft sogar jenem Werk Unsterblichkeit verleihen, das in seiner Schau keine Tiefe aufweist und von den höheren Intensitäten des Stils weit entfernt ist. Aber es ist nicht bloß metrischer Rhythmus, selbst in einer vollkommenen technischen Vortrefflichkeit, was wir meinen, wenn wir von dichterischer Bewegung sprechen; jene Vollkommenheit ist nur ein erster Schritt, eine physische Basis. Es muß eine tiefere und subtilere Musik geben, eine rhythmische Seelenbewegung, die in die metrische Form eintritt und sie oft überflutet, bevor die wirkliche dichterische Leistung beginnt. Eine bloße metrische Vortrefflichkeit, wie subtil, wie reich oder vielfältig sie auch sein mag, wie vollkommen sie auch das äußere Ohr befriedigt, entspricht nicht den tieferen Zielen des schöpferischen Geistes; denn es gibt ein inneres Gehör, das seinen größeren Anspruch stellt, und es zu erreichen und zu befriedigen, ist das wahre Ziel des Schöpfers von Melodie und Harmonie.
Dennoch ist das Metrum, womit wir ein festes und ausgewogenes System der Tonmaße meinen, nicht nur die traditionelle, sondern sicher auch die rechte physisch Grundlage für den dichterischen Rhythmus. Eine jüngere moderne Tendenz - jene, die uns die Dichtung von Whitman, Carpenter und den Experimentalisten im vers libre in Frankreich und Italien gab, - leugnet diese Tradition und verwirft das Versmaß als ein Fessel, vielleicht sogar ein frivole Künstlichkeit oder eine Verfälschung von wahrem, freiem und natürlichem poetischen Rhythmus. Mir scheint dies ein Standpunkt zu sein, der sich letztendlich nicht durchsetzen kann, weil er es nicht verdient. Er kann sicher nicht triumphieren, es sei denn er rechtfertigt sich durch höchste rhythmische Leistungen, denen gegenüber das beste Werk der größten Meister poetischer Harmonie in der Vergangenheit deutlich unterlegen erscheinen wird. Das ist noch nicht vollbracht. Im Gegenteil hat der vers libre am besten abgeschnitten, wenn er entweder sein Ziel im Rhythmus auf eine Art singende dichterische Prosa beschränkt hat oder aber sich auf ein Art irreguläre und komplexe metrische Bewegung gründete, die in ihrem inneren Gesetz, obgleich nicht in ihrer Form, an das Konzept griechischer Chor-Dichtung erinnert.
Schri Aurobindo
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